Jefta van Dinther: “Dark Field Analysis”

“This time, Jefta van Dinther has designed a trance-world, in which time, space and body come to an end – utopian and archaic, a world of mysteries and transformation.”

“The dissolution and disempowering of seemingly immutable systems, the liquefaction of determinism, of limitations and of conditions – this is his subject. Almost like a utopia in a biblical mystery play. Van Dinther stages this by using fascinating images in stunning aesthetics. Coming to the end of his 30’s, he is becoming ever clearer in the implementation of his means to place the body and the human in a state of suspension and move it into other dimensions. Those who let them selves, experience the extraordinary. “

 


“Jefta van Dinther erweitert den Trance­Zustand in einen Hypnose­Zustand. Der Bühnenraum ist aufgelöst, das Zeitgefühl verschwunden, ihre Sprache, Gedanken, Erinnerungen sind fort.

Nähe entsteht zwischen beiden trotz dieser persönlichen Geschichten und Geständnisse nicht, sie bleiben Getrennte. Ihre Körper beginnen nun zu vibrieren, zu flattern und flirren, die Arme zucken ­ es sind desorientierte Bewegungen, nicht zielgerichtet, während die Techno­House­ Musik immer mehr in Trance­Musik übergeht, zu laut für die offensichtlich nicht mehr wichtigen Texte, zu dramatisch für die bisher entspannte Stimmung. Plötzlich endet die Musik, das Licht geht aus, es herrscht vollkommene Dunkelheit – ein visueller und akustischer Schock, Stillstand und Leere in Finsternis.

Trance­Welt ­ Zeit, Raum, Körper in Auflösung, Welt der Verwandlung

Diesmal hat Jefta van Dinther eine Trance­Welt entworfen, in der Zeit, Raum und Körper zur Auflösung kommen – utopisch und archaisch, eine Welt der Mysterien und der Verwandlung. Und das mit nur zwei Tänzern, junge Männer um die 30, die auf einem blauen Teppich sitzen, darüber ein schwebendes Rechteck aus schmalen Lichtstreifen, das Publikum an den vier Seiten drum herum. Beide sind von Beginn an völlig nackt, wobei diese Nacktheit bald aus dem Augenschein gerät, wie auch Erotik oder Sexualität keine Themen sind.
Dafür aber eine seltsame Bindungslosigkeit der beiden, die zu Beginn im Schneidersitz beieinander sitzen, sich selten direkt anschauen und vorerst auch nur einmal flüchtig berühren mit der Rückseite zweier Finger am Oberarm – sie sind nicht ganz im Hier und Jetzt, fast wie virtuelle Wesen.

Was beide verbindet, ob sie Brüder, Freunde, Zufallsbekannte, Überlebende sind, Geliebte wohl eher nicht – wer sie sind und was sie verbindet, bleibt offen und ein Rätsel.

Blut als zentrales Motiv

Im ersten Teil des Abends stellen sie sich ruhig, langsam, mit sanften Stimmen persönliche Fragen: was denkst du?, woran erinnerst du dich? Einer erzählt eine Kindheitserinnerung, der andere von seiner Faszination für Blut, das aus einem Körper strömt, wie eindrucksvoll das sei, herrlich, entzückend, gar nicht beängstigend sondern eigentümlich berührend.

Das Blut ist hier ein zentrales Motiv, mythologisch
zu verstehen, als Träger der Lebenskraft, mit
heiliger Macht und reinigender Kraft. Das nach
Außentreten scheint hier als eine Art Offenbarung
gemeint zu sein, als Sichtbarwerden des Wesentlichen, Wahrhaftigen.

Das Blut als zentrales Motiv – darauf verweist auch der Titel “Dark Field Analyses”, verkürzt gesagt, eine Methode zur mikroskopischen Blutuntersuchung, bei der die Lichtdurchlässigkeit und das Lichtverschlucken von Objekten vor dunklem Hintergrund zur Sichtbarmachung von Details genutzt wird – wie man Staubpartikel in einem Lichtstrahl schweben sieht, wenn es Drumherum dunkel ist – mit solchen Kontrastierungen des Sichtbarwerdenlassens arbeitet auch van Dinther in seiner Choreographie.

Desorientierte, vibrierende Körper ­ Schockmoment

Nähe entsteht zwischen beiden trotz dieser persönlichen Geschichten und Geständnisse nicht, sie bleiben Getrennte. Ihre Körper beginnen nun zu vibrieren, zu flattern und flirren, die Arme zucken ­ es sind desorientierte Bewegungen, nicht zielgerichtet, während die Techno­House­ Musik immer mehr in Trance­Musik übergeht, zu laut für die offensichtlich nicht mehr wichtigen Texte, zu dramatisch für die bisher entspannte Stimmung. Plötzlich endet die Musik, das Licht geht aus, es herrscht vollkommene Dunkelheit – ein visueller und akustischer Schock, Stillstand und Leere in Finsternis.

Verwandlungsprozesse – Skulpturen und animalische Körper

Ein Moment des Innehaltens, der Verwandlungsprozesse auslöst. Die beiden wachsen zu einer Skulptur und werden zu animalischen Wesen, kriechen auf allen vieren über die Bühne, reißen den Teppich beiseite. Die Musik dröhnt und donnert jetzt im schweren Rhythmus, das Licht ist nur noch ein diffuses Rot, die Bühne eher eine Schattenwelt.

Jefta van Dinther erweitert den Trance­Zustand in einen Hypnose­Zustand. Der Bühnenraum ist aufgelöst, das Zeitgefühl verschwunden, ihre Sprache, Gedanken, Erinnerungen sind fort, die Körper in einen anderen Seinszustand übergegangen. Mit den guten alten einfachen Bühnenmitteln Licht, Musik, Körper lässt van Dinther Konturen verschwimmen, Grenzen sich auflösen, eine neue Welt entstehen.

Transformationsprozesse, Schwebezustände, Freiheitsmomente

Und damit ist er einmal mehr bei seinen Themen, nur das diesmal die Sprache als neues Mittel hinzugekommen ist. Erneut inszeniert er Transformationsprozesse. Traumhafte oder albtraumhafte Szenarien, surreale Welten hat er schon oft entworfen, in seinen Spielen mit den Dimensionen von Raum und Zeit und Energie, mit dem Umformen von Körpern in Objekte, mit synästhetischen Choreographien, bei denen er die Wahrnehmungssinne verwirrt, Alltagsbewußtsein und vermeintliche Realität aufgelöst hat.

Es geht ihm um Schwebemomente und Freiheitsmöglichkeiten, wie in einem der frühen Stücke von 2008 mit Mette Ingvartsen, in dem beide auf Trampolinen gesprungen sind, ekstatisch, immer höher, auf der Suche nach dem Moment der Schwerelosigkeit, der Freiheit kurz vor dem Wirken der Schwerkraft.

Das Aufheben und Außerkraft­Setzen scheinbar unveränderlicher Systeme, das Verflüssigen von Determinismus, von Begrenzungen und Bedingungen – das ist sein Thema, fast so etwas wie Utopie in Mysterienspielen.

Hier setzt Jefta van Dinther das in faszinierenden Bildern, in packender Ästhetik um. Mit seinen jetzt auch schon Ende 30 wird er immer klarer im Einsatz seiner Mittel, um Körper und Mensch in Schwebezustände, in andere Sphären zu führen – wer sich darauf einlassen kann, erlebt Außergewöhnliches.”

https://www.kulturradio.de/rezensionen/buehne/2017/08/Tanz-im-August-Dark-Field-Analyses.html

Frank Schmid, kulturradio, 25.08.2017

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